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Über das Verhalten an Bushaltestellen... und anderer Kinderkram

Ich bin nun seit gut einem halben Jahr dabei, in unserer kleinen Stadt "Busbegleiter" zu spielen. Busbegleitung ist ein ziemlich harter Job, obwohl er hundeelend vergütet wird. Zumindest wir als "Projektgruppe" (wir sind die Ersten, die sich mit den kleinen Teppichratten rumschlagen dürfen) werden mit etwa einem Euro die Stunde entlohnt. Man sieht, dass ich neben der Schreiberei nicht gerade ein vorbildliches Leben als Arbeitnehmer pflege, was ich allerdings binnen der nächsten Monate ändern möchte... Aber abgesehen davon, ist das jetzt auch nicht das Thema, worüber ich diesen Monat schreiben möchte.

Busbegleiter beinhaltet das "unter Kontrolle kriegen" von Kindern innerhalb eines Schulbusses. Das heißt, man darf mal richtig Diktator spielen, wenn man will.
"Nimm deine Füsse vom Sitz...", heißt es einmal, zweimal... Beim dritten Mal wird der obligatorische Block gezogen und mit einem breiten Grinsen verkündet man demjenigen vor sich, dass man doch bitte den Namen nennen soll, denn jetzt geht’s ans Briefe schreiben... Nächste Woche habe ich diesen Störenfried nicht mehr in meinem Bus!

Dieser Job beinhaltet zudem das Stehen an Bushaltestellen, um zu kontrollieren, wann die Busse kommen, ob die Schüler da sind, ob sie einsteigen und ob der Bus zu spät gekommen ist. Das heißt, man ist der Lückenbüßer, der den Ärger eintreibt für jede verdammte Seele die sich rund um das quaderförmige Etwas bewegt!

Aber genug von dem Job, denn darauf wollte ich nicht hinaus. Ich habe morgens, wenn ich an so einer Haltestelle stehe, eine Menge Zeit zum nachdenken. Neben dem Belustigen über diverse Autokennzeichen, die an einem vorbei rauschen (unter anderem hatten wir da das Wort "Cock"... Wer Englisch kann, ist klar im Vorteil. Ich bemitleide den Besitzer des Autos, da dieses Kennzeichen mindestens einen meterlangen Ratten-schwanz... hinter sich her zieht. *räusper*), beobachtet man die Generation, die einem später ein gutes Leben und eine saftige Rente finanzieren soll. Unsere Jugend hat solcherlei Vielfalt, wie sie fast schon nicht mehr erträglich ist.

Es gibt unterschiedliche Arten der Jugendlichen, die ich hier etwas näher erläutern möchte.

1. Die Unwissenden: Hierzu zähle ich Kleinkinder, bis zu einem Alter von vielleicht neun oder zehn Jahren. Sie gehen zur Schule. Wirklich ein Wässerchen trüben, können die nicht. Sie haben sogar Angst, zu weit nach vorn zu gehen, denn eventuell könnte der Bus sie ja überrollen.

2. Die Möchtegern-Rebellen: Die nächste Altersstufe beinhaltet meistens Jungs, die es scheinbar irre komisch finden, sich vorn auf die Bordsteinkante zu stellen und nach vorne und hinten zu lehnen. Ich muss dabei immer wieder an dieses schöne Bild denken, wenn der Bus angerauscht kommt und den Schüler an seinem Rucksack vor sich herschleift, weil er sich doch ein bisschen zu sehr nach hinten gelehnt hat... Das könnte ins Auge gehen... Diese Art von Rebellen stehen auch morgens immer auf dem Bordstein, schalten ihr Handy an und heraus kommen irgendwelche polyphonen Klingeltöne von 50 Cent, Eminem oder sonstigen Interpreten aus der schwarzen Szene. Jamba freut sich... So auf die Entfernung nimmt man das Gedudel allerdings bloß noch als Glucksen, Würgen oder sonstigen unangenehmen Laut wahr, was die ganze Sache nicht wirklich erträglicher macht.
Habe ich schon etwas über das Aussehen gesagt? Nein? Okay, das hole ich sofort nach: Diese Möchtegern-Rebellen haben ein Faible für schwarze Bundeswehr Rucksäcke, oder sie schleppen einen alten, kläglich aussehenden Eastpak mit sich rum, die beide mit wunderbaren Emblemen von Limb Bizkit, Misfits, Green Day, Slipknot oder ähnlichem geziert sind. Hinzu kommen ein paar Buttons mit der Aufschrift "Fuck off..." oder "Antichrist". An Klamotten haben sie eigentlich immer das Gleiche an und man fragt sich, wann derjenige endlich damit auf die Schnauze fliegt, weil er seine Hosen beinahe an den Kniekehlen hängen hat. Als Oberteil wird dann ein Pullover mit langen Armen genommen, worüber – und das ist das verwirrende – ein T-Shirt gezogen wird... Man muss ja über seine psychischen Defizite irgendwie sprechen, also teilt man dem, der frontal auf einen zuläuft mit "Ich bin schizophren" und wenn er dann an einem vorbei gegangen ist, bekommt man hinten "Ich auch..." zu lesen...
Naja, wer's braucht...
Jene Schüler sind auch die, die mich in der Schule nachmittags immer zum Wahnsinn treiben, indem sie an meinem Büro vorbei laufen, einfach die Tür aufstoßen und wegrennen. Leute, wo liegt da der sittliche Nährwert??? Ich frage mich dann meistens, was daran so interessant ist.

3. Der Musterschüler: Ja, auch die gibt es noch. Meist mit Brille, kurzem adäquatem Haarschnitt, einer Cordhose und einem leichten Wollpullover anzutreffen. Manchmal kehren sie den kleinen Rebellen nach draussen, indem sie auch einen Eastpak Rucksack besitzen – aber ohne Buttons und Aufnäher! Diese Schüler, Jugendlichen, wie auch immer, sind eigentlich die Erträglichsten, zusammen mit den Unwissenden, die man an der Haltestelle vorfindet. Denn sie machen am wenigsten Ärger. Sie stehen dort, warten bis der Bus kommt, gehen dann in ihn hinein, indem sie sich hinten anstellen und dann in der Menge des Busses verschwinden.

4. Die Verqueerten: Ich weiß nicht, ob ich manchmal lachen oder weinen soll, wenn ich sie sehe. Meistens Jungs im Alter von vielleicht 14 oder 15 Jahren... Was denkt ihr bei dem Anblick eines Jungen in jenem Alter, gertenschlank, der gekleidet ist in zartrosa (auch wenn es bloß EIN Kleidungsstück ist), Dreiviertelhose, einer Tasche, die er seitlich trägt und dann seinen Kumpels erzählen möchte, dass seine Mutter ihn gezwungen hat, das zu tragen? Wir befinden uns in der Entwicklung, Menschenskind. Du musst dich nicht schämen, bekannt zu geben, dass du schwul bist, oder mal werden möchtest, das hast du eh seit deiner Geburt in den Genen. Aber wer weiß... Vielleicht will er ja das Licht sehen... und ein Leben als Hetero verbringen, der mehr als nur ein Geheimnis hat... ;)

5. Die Entwicklungshelfer: Mädels, meist im Alter von 13 bis 16. Man merkt ihnen an, dass sie in der Pubertät sind und die ersten Pickel sich in ihrem Gesicht breit machen. Zeitgleich beginnen sie, eben jene mit Make-Up und anderen Schönheitsmittelchen zu übertünchen – leider noch erfolglos. An der Kleidung erkennt man meistens noch das "Kindchensein", denn T-Shirt Kleider oder ähnliches sind bei Erwachsenen, oder der Gruppe, die ich später noch anspreche, absolut out. Die Entwicklungshelfer haben es so an sich, an der Haltestelle zu stehen und noch eben ihr Make-Up zu prüfen, indem sie ein veraltetes, meist von der Mutter geerbtes Kästchen aus der Tasche ziehen und im Spiegel kontrollieren, ob die Haare richtig liegen, egal ob der nächste Windzug alles wieder durcheinander bringt, oder nicht.

6. Die Aussenseiter: Eine absolut andere Gruppe als die Musterschüler, falls man es jetzt damit verwechselt hat. Sie sind auch diejenigen, die wirklich alles machen können, was sie wollen, sie werden wegen ihrer Art niemals in eine Clique oder ähnlichem aufgenommen. Aussenseiter haben so eine Art an sich, die förmlich danach schreit: "Greift mich an, ich bin ein hilfloses Wesen, was sich sowieso nicht wehrt." Ich bin nicht auf der Seite der Angreifer, um Gottes Willen, dafür bin ich ja da, aber wenn jemand förmlich danach schreit, mag ich ihm am liebsten ein Schild umhängen mit der Aufschrift: "Bitte nicht anfassen, ich beiße, auch wenn ich nicht so aussehe." Denn solche Schüler handeln mir fast den meisten Ärger ein, da ich mit einer anderen Gruppe Jugendliche dann aneinander gerate:

7. Die jungen Hühn(ch)en und die Rossbesteigenden: Diese Art von Generation ist jene, die man am liebsten mit wachsender Begeisterung in die Tonne kloppen will. Man nennt sie auch "Der Lehreralptraum", da sie in der Schule nur Scheisse bauen um ihre Minderwertigkeitskomplexe zu überspielen. Die Jungs fangen mit dem Rauchen an, die Mädchen sind meistens schon lange damit dran und die ersten Drogen gehen durch die Runde. Jungs versuchen, sich mit Haargel hervorzuheben, während es die Mädels damit versuchen, sich Kaffeetellergroße Ohrringe anzuziehen, Lippenstift aufzulegen, der nach dem Knutschen garantiert das ganze Gesicht ziert und ihre Augen sind getränkt in einer halben Packung schwarzem Mascara. Letztens ist mir eine junge Dame begegnet, da wurde es mir ganz kalt und der Eisschauer, trotz geringfügig warmen Temperaturen, war garantiert, der über meinen Rücken rann. Dieses Mädel trug Ohrringe, wie sie über manchen Geschäftstüren hängen und klingeln, wenn man den Laden betritt, das Rouge ging ihr bis in den Ausschnitt hinunter, die Haare waren schwarz gefärbt, gebunden zu einem Pferdeschwanz, eine dreiviertellange Jeans, Stöckelschuhe mit mindestens sieben Zentimeter Absatz und einem Oberteil, welches wundervoll ihren Rücken zur Schau stellte. Nicht mehr und nicht weniger. Keine Jacke, kein Überwurf – Nichts! Und sie stolzierte so an mir vorbei, dass man zwischen ihren Arschbacken fast die Nüsse knacken hören konnte, so sehr bewegte sich die Kiste... Das allerschönste sind dann immer noch diese kleinen (oder großen, das ist an der Stelle mal egal!) Speckröllchen, wo der Bund der Jeans nahtlos untergeht...
In solchen Momenten frage ich mich immer, ob die Schulen von früher alle umgesattelt haben, um ihren Unterricht im Schwimmbad abhalten zu können, oder worin dieser Trend liegt, sich so zur Schau zu stellen. Bessere Noten bekommt man damit bestimmt nicht, da die alten Lehrer alle noch zum alten Eisen gehören, die sich davon nicht beeindrucken lassen werden. Andererseits macht man so in der Schule die Kerle an, die zwei Klassen drüber sind... Man muss ja Erfahrungen sammeln und das tut man nicht mit gleichaltrigen, weil sie keinerlei Ahnung in sexuellen Dingen haben. Das ist auch so ein Punkt. Die Mädchen sind in dem Bezug scheinbar im Vorteil, denn sie benehmen sich nach dem Motto: "Ich bin eine Frau, also behandle mich auch so" und die Kerle machen einen auf: "Mein erstes Mal war scheisse, hab Mitleid mit mir..."

Spätestens in drei Jahren sieht man dann vielleicht die Rossbesteiger mit den Hühn(ch)en rumlaufen... Da hat dann wohl das Mitleid gesiegt.


Das wären soweit die Gruppen, die ich bisher einteilen kann... Sicherlich gibt es noch mehr, aber die hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen.

Es ist zumindest jeden Morgen so, dass wenn ich dann zur Schule gehe, um dort den Tag über zu arbeiten und auszuhelfen, ich mich frage, wohin die gute alte Jugend gekommen ist, die es noch zu schätzen wusste, auf der Straße Gummitwist zu spielen, oder Hüpfekästchen, statt sich wie die heutige Jugend in anderer Leute Betten rumzutreiben und sich ein paar Monate später zu fragen, wer wohl der Vater des Kindes ist, welches sich nun im Mutterleib befindet, weil man sogar zu blöd war, das Wort Verhütung zu schreiben...

Was bin ich froh, dass ich diese Zeit nicht mehr erleben muss, wo das Treiben normal ist und man nicht mehr weiß, wie man sich noch als Jugendlicher verhalten soll, denn heutzutage ist es eh gleich, wie man es macht... Da der höchste Anteil der Jugendlichen aus letzter Gruppe bestehen, wenn sie erwachsen sind. Der Streber- und Musterschüleranteil hingegen besinnt sich wohl im Alter von etwa 18 Jahren dazu, sich irgendwo runter zu stürzen, da sie im Leben auch nicht weiter kommen, als die anderen... Und das, wobei sie mindestens, wenn nicht doppelt und dreifach so hart gearbeitet haben...

Aber bevor ich jetzt auf das deutsche Rechtssystem zu sprechen komme, welches sowieso den Bach runter geht, hocke ich mich lieber in eine Ecke, trinke meine gute Tasse Kaffee und frage mich, ob nicht die Möglichkeit besteht, einen Bus zu mieten und damit Amok zu laufen... ;)

© Kevin Halgrey
 
 
 
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