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Sommergrippe und Mercedesfahrer

Es ist ja momentan wieder eine Zeit, die ganz gefährlich für unsereins ist. Vor allem für die, die nicht tagtäglich draussen an der frischen Luft sind und sich dort herumtreiben, um Abwehrkräfte zu sammeln. Und dann erfasst es einen und lässt nicht mehr so schnell los. Es kratzt und beißt und röchelt, es läuft und ziept und kneift... Und es lässt einen nicht mehr zur Ruhe kommen.

Ich spreche hierbei von einer Sommergrippe!

Zuerst hört man nur davon, dass sie wieder grassiert, dann hört man es in der nahen Verwandtschaft und schwuppdiwupp hat ein Mitglied der Familie es und es breitet sich langsam immer weiter aus... Bis du selbst dran bist!

Ich hätte gerne mal folgendes Szenario:

Ich liege im Bett, bin geplagt von Schnupfen, Husten, Heiserkeit, Schwindel und ein wenig Wehmut, den man als Mann sowieso eher hat, als wenn man von der weiblichen Seite ist.

Kurz: Es geht mir hundeelend, so dass ich kurz davor bin, abzukratzen!

Wie ich schon oft gesagt habe, ich wohne noch daheim. Es ist auch lieb, wenn die Mutti einen dann umsorgt, einem eine Kanne Tee bringt, aber so im Alter, wenn man arbeitslos ist und dann auch noch krank wird, muss man froh sein, wenn man im Bett liegen darf und in Ruhe gelassen wird.

Aber dem mal genug... Gehen wir weiter in meiner Vorstellung:

Man liegt mit schweren Kopfschmerzen im Bett, eingekuschelt in einen Schal, einen dicken Frotteeschlafanzug und einer weichen Biberbettwäsche, so dass man alles schön herausschwitzt. Plötzlich geht die Tür auf und es erscheint der Retter...
„Hallo Schatz...“ – Hiermit sei der Freund, Verlobte, oder wie auch immer gemeint und er hat etwas dabei:

1. Ein unwiderstehliches Lächeln, was dein Herz in die Höhe hüpfen lässt und wodurch es dir schon tausend mal besser geht, als noch vor fünf Minuten,

2. Eine Kanne Tee, denn sie schmeckt so viel besser, wenn dein Freund sie gemacht hat, als wenn deine Mutter sie dir gemacht hat

und

3. Eine Plastiktüte!

Letzteres ist natürlich am interessantesten!
„Hier! Das habe ich dir mitgebracht. Eine ganze Tüte voller Gesundheit“, sagt er und man quält sich hoch, ringt sich ein leichtes Lächeln ab und nimmt voller Dankbarkeit die Tüte an.

In ihr findet man dann schließlich:

1. Husten- und Halsbonbons, die natürlich alle süss sind und wohlschmeckend. Wo er die wohl her hat, ist egal, Hauptsache er hat sie, denn damit erleichtert er dir die Lutscherei.

2. Schnupfentabletten, die innerhalb von drei Tagen deine verstopfte Nase reinigen, so dass du dir sämtliche Dampfbäder ersparen kannst, die du eh nur machst, damit deine Mutter Ruhe gibt.

3. Ein Film, in dem dein absoluter Lieblingsschauspieler mitspielt, den du dir schon seit Monaten wünschst und er eigentlich auch noch gar nicht auf dem Markt auf DVD erhältlich ist, aber dein Freund hat ihn dir besorgt und wenn er bloß in Englisch ist und er über ein großes Auktionshaus im Internet besorgt wurde – Er gehört dir! Und du hast ihn dir gewünscht! Dein Freund hat ihn dir besorgt! Der Rest ist egal!

4. Ein Kuscheltier, das möglicherweise ein Herzchen in den Pfoten hält, auf dem steht „Gute Besserung“. Das ist das Standardgeschenk, was man einem Kranken machen kann, worüber man sich aber immer wieder freut.

Und zu guter letzt legt sich dieser Freund neben dich und es ist ihm egal, ob du ihn ansteckst, denn er liebt dich ja schließlich und gibt dir einen Kuss, der dir soviel Energie gibt, als hättest du ihm sämtliche Gesundheit abgesaugt und ihm deine Krankheit überlassen.

Alles ist wieder in Butter!

Immer wenn ich im Bett liege mit einer Grippe, stelle ich mir dieses Szenario vor und muss einsehen, dass es wohl nicht so schnell dazu kommen wird, weil derjenige, der mir diese Gesundheit bringt, in meinem Leben noch nicht seinen Auftritt hatte. Himmel noch mal, muss man alles alleine machen?

Stattdessen bin ich heute Morgen aufgestanden, habe mich aus dem Bett gequält und mir hat bereits der Knoten der Heiserkeit schon wieder die Luft abgeschnürt. Ich habe mich angezogen, obwohl alles zuviel war und habe mich auf den Weg in eine Apotheke gemacht, wo ich Hustenbonbons und die nötigen Schnupfentabletten selbst gekauft habe. Der DVD-Händler war gleich daneben, wo ich mir einen alten Schinken kaufte, um dann gleich wieder zum Auto zu laufen und die Geisterfahrt meines Lebens zu starten. Denn irgendwie waren bloß Mercedesfahrer unterwegs, die mir entweder die Vorfahrt nahmen, fuhren, als würden sie ihr altes Mütterchen spazieren fahren und zu guter letzt scheinbar alle das Privileg haben, abzubiegen, ohne dass es nötig ist, einen Blinker zu setzen.

Oh wie ich das hasse. Für Mercedesfahrer scheinen sowieso andere Regeln zu gelten, als für uns normale Autofahrer, aber das interessiert keinen Menschen...

Egal, ich bin also wieder daheim und liege in meinem Bett, lutsche meine selbst gekauften Husten- und Halsbonbons, die wirklich eklig schmecken und werde mir nachher den Schinken ansehen. Kuscheln werde ich mit meinem Kissen und das wars dann...

Auch wenn ich normalerweise überzeugter Single bin, wünsche ich mir doch manchmal so jemanden, an den ich mich kuscheln kann und der meistens so nett zu mir ist, dass ich mich selbst nicht mehr leiden kann! Kann man so was nicht mieten?

Entschuldigt diesen Monat mein Gejammer, aber ich höre jetzt am besten auch auf, denn langsam fange ich an, darüber zu fantasieren, ob man als Kranker mehr Chancen bei den Männern haben könnte...

© Kevin Halgrey
 
 
 
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