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Teil 1: HAMBURG - das Tagebuch
(6.11.-10.11.2006)


Einleitung

Sicher erinnern Sie sich noch an „New York, New York – Tagebuch eines Urlaubs in der himmlischen Hölle“ von Uli Döring, jene literarische Aufarbeitung einer neuntägigen Städtetour nach Manhattan im März des Jahres 2001, die die beiden Protagonisten in das Herz der neonbeleuchteten Finsternis führte; eine Geschichte über Grenzerfahrungen und eine Metapher auf das Erwachsenwerden, wie es in einschlägigen Buchbesprechungen hieß.

Der Trip endete mit einem irreparablen Mißtrauen gegenüber Mehrbettzimmern in Jugendherbergen, einem mehrstündigen Tinnitus und der Zerstörung des World Trade Centers einige Monate später. Damit hatten die Helden der Geschichte allerdings nichts zu tun.

Die Schlußworte des Tagebuchs gingen die Geschichte der Weltliteratur ein und gehören wohl zu den rätselhaftesten Enden seit dem von „2001 – Odyssee im Weltraum“. Scheinbar sind sie ein Symbol für die Ziellosigkeit jener Generation oder so. Sie lauteten:

„ ...doch wer weiß, vielleicht überfällt Peter und mich in einer schwachen Stunde maßloser Selbstüberschätzung mal wieder der Wunsch, zu neuen Grenzen aufzubrechen. Und schillernde Urlaubsorte werden sich wieder vor unserem geistigen Auge auftun...Sibirien...Afghanistan...der Saturn...oder doch vielleicht noch mal...

...New York...?“

Natürlich waren das alles nur rhetorische Spinnereien, wie der Autor – also ich - heute gerne zugibt. Unsere letzte gemeinsame Tour führte uns für wenige Tage nach Amsterdam – bekanntermaßen dem europäischen Vorbild New Yorks – ein merkwürdiger Trip voller Grenzerfahrungen mit Schokoladengebäck. Es existieren keine Aufzeichnungen über diese skurrile Reise mehr, nur noch das unzusammenhängende Gefasel der Beteiligten – und dem Versprechen, allen eßbaren Drogen für immer abzuschwören.

Nun also sollte es Hamburg werden, das namhafte Reiseziele wie Moskau, London und Athen aus dem Rennen geworfen hatte. Ein Urlaub um die Ecke also – und doch in eine andere Welt, wie wir bald feststellen sollten. Nie wäre jemand darauf gekommen, daß die Erlebnisse derart einschneidend sein würden, daß ich nicht anders kann, als sie erneut niederzuschreiben. Außer mein Agent.

Eine Reise in das Herz des Nieselregens, in die Hauptstadt des Sexes und des Lasters. Ja, dieser Reise setze ich erneut ein literarisches Denkmal für die Nachwelt, bevor ich wieder alles vergesse – ich sage nur Space-Cake im Cafe Amnesia, Amsterdam.

U. D., im November 2006


Tag 1: Angriff der Killernutten

Schon vor Reiseantritt war Peter und mir klar, daß der Trip unter gemischten Vorzeichen stehen würde. Gute Omen (eine beinahe perfekt funktionierende Onlinebuchung) und schlechte Omen (Peters auf Antibiotikaeinnahme basierende, erzwungene Alkoholabstinenz während des gesamten Aufenthaltes) standen sich gegenüber. Wir hatten keine Ahnung, was uns das sagen sollte; und ich hab keine Ahnung, wieso ich das überhaupt erwähne. Wahrscheinlich, weil ich langsam senil werde. Jedenfalls fing am 6.11. alles damit an, daß ich souverän verpennte. Das lag daran, daß ich meinem Radiowecker zwar korrekt programmierte, ihn aber nicht einschaltete. Ich glaube, so was nennt man in der Tat senil. Nun also 8.30 Uhr statt 7.30 Uhr. Um Neun soll es losgehen. Schnell noch ein paar Besorgungen machen und den letzten Rest zusammenpacken. Dann steht auch schon Peter vor der Tür, um mich abzuholen.

An diesem Montagmorgen gibt es ungewöhnlich viele Staumeldungen. Aber wir geraten nur in ein wenig stockenden Verkehr bei Köln. Dann ist die Autobahn frei – zumindest in unsere Richtung. Der Gegenfahrbahn geht es nicht so gut: Dort gibt es einen nicht enden wollenden Stau. Wir versuchen unterwegs, die verborgende Melodie in Peters alter „Böse Onkelz“ Cassette zu entschlüsseln bzw. so etwas wie Text in dem Lärm zu verstehen. Sind das nun Songs mit bedenklichem politischen Inhalt? Oder ist ein Lied wie „Bomberpilot“ eher metaphorisch gemeint? Wir wissen es nicht. Jedoch begeistern wir uns für die Idee, in Hamburg die Fenster runterzukurbeln und die Onkelz bis zum Anschlag aufzudrehen. Die sollen gleich wissen, mit wem sie`s zu tun haben. Naja. Wir machen es dann doch nicht. Vielleicht ganz gut so. An dieser Stelle sei der Routenplaner von Falk-Online lobend erwähnt. Dank dessen Hilfe finden wir Hamburg ohne größere Schwierigkeiten. Erstaunlich, bei so einem kleinen Kaff.


Fahrt durch den Elbtunnel


An der Zielstraße angekommen, orientieren wir uns an den Hausnummern, um unser Hotel zu finden. Dabei übersehen wir die kilometerweit sichtbare Aufschrift unseres Hotels. Aber so sind Männer halt. Warum sich an das offensichtliche halten, wenn man sich in eine knifflige Aufgabe verbeißen kann?

Das „Motel One“ sieht einladend aus; es gibt sogar einen Parkplatz gleich vor der Tür. Unklar ist, wieso sie dem Ding den Namen „Motel“ gegeben haben. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen: Hat das mit der Online-Buchung wirklich geklappt? Oder müssen wir unter der Brücke bzw. im Puff pennen?

Es hat geklappt. Gelobt sei das Internet. Schade. Vier Tage im Puff wären sicher auch nicht schlecht gewesen. Vielleicht hätten wir uns irgendwie nützlich machen können.

Das Motel wurde im Internet als „Low-Budget-Design-Hotel“ beschrieben. Im Foyer erhalten wir einen ersten Eindruck, wie das gemeint ist. Sieht alles ganz nett und funktional aus, aber auch ein bißchen steril. Daran ändert auch das Kaminfeuer im Flatscreen-TV an der Wand nichts. Aber: Es ist sauber.

Während ich das Gästeformular ausfülle, verwickelt sich Peter in ein Gespräch mit der Dame an der Rezeption, um herauszufinden, wo er am besten parken kann. Dabei scheint er ziemlich Probleme mit der Sprechgeschwindigkeit bzw. dem Dialekt der Dame zu haben. Liegt das am Alkoholentzug? Mir kommt das gar nicht so schnell gesprochen vor. Aber eigentlich kriege ich das auch gar nicht so richtig mit, denn ich kann nicht gleichzeitig ein Formular ausfüllen und zuhören. Bin ja ein Mann. No Multitasking.

Erfreulicherweise stellt sich heraus, daß wir die Kiste einfach vor der Tür stehen lassen können. Sofern wir nichts Wertvolles im Auto liegen lassen (z. B. Zeitschriften), dürfte es kaum ins Visier von Autoknackern geraten.

Als wir zu unserem Zimmer kommen, erwartet uns ein Schockererlebnis: Die Türen sind mit einem Computerschloß versehen. Das ist ja an sich nichts beunruhigendes, doch die traumatischen Erlebnisse mit den nur gelegentlich funktionierenden Key-Cards in der New Yorker Jugendherberge kommen hoch. Zu unserer Überraschung funktioniert das Schloß hier einwandfrei. Aber auch unser Zimmer hält einige Überraschungen parat.

1. Wir haben ein Doppelbett und keine getrennten Betten, wie bei der Reservierung gewünscht. Aber damit mußte gerechnet werden.

2. Es gibt ein Flatscreen-TV.

3. Es gibt keine Schränke, sonder nur eine Kleiderstange. (Low-Budget-Design).

4. Es gibt keine Minibar.

5. Neben dem Bett steht eine Art Waschkübel (Peter hält es für ein Kotzbecken. Da ich viel von Design verstehe, merke ich sofort, daß es sich um ein Waschbecken handelt. Ich frage mich nur, wer das Hotelzimmer designt hat. Warhol?)

6. Im Klo fehlt das Waschbecken.

Beim näheren betrachten fällt uns auf, daß der Designer dieses Zimmers scheinbar nicht vorhatte, selbst darin zu hausen. Man könnte es als „Luxuszelle“ bezeichnen. Neben dem Waschbecken im Zimmer sind weitere Merkmale irgendwie nicht sehr bewohnerfreundlich. Die Nachttischlampe hat maximal 3 Watt, das Bad ist höchstens 1m2 groß, die Duschtüren sind so gestaltet, daß man nach dem Duschen das ganze Bad unter Wasser setzt und es fehlen ganz allgemein Stellflächen.

Aber wir wollen nicht zu kritisch sein, denn wir haben ohnehin nicht vor, uns viel auf dem Zimmer aufzuhalten. Das Wichtigste ist außerdem vorhanden: Kabel-TV.


Luxus pur: Unser geiles Doppelbett – ausnahmsweise gemacht (Rechts: Lampe an)



Hier der Beweis: Das komische Becken auf dem Zimmer. Rechts daneben: Zahnpasta.


So, es ist 15.30 Uhr und wir beschließen, den ersten Erkundungstrip in Angriff zu nehmen. Zu unserer Freude stellen wir fest, daß direkt vor dem Hotel eine Bushaltestelle ist. Zu unserem Mißvergnügen merken wir, daß es in Hamburg ganz komische Fahrpläne gibt. Nämlich nicht wie in Bonn, mit einem identischen Zeitrhythmus (also alle 10 Minuten oder so), sondern immer leicht variierende Zeiten. Unmöglich, sich die ganzen Abfahrzeiten zu merken. Da haben die Hamburger Verkehrsbetriebe aber versagt.

Unsere erste Fahrt geht nach Altona um von dort aus weiter zur Reeperbahn zu gelangen (wohin auch sonst?). Auf der Fahrt entdecken wir in der Nähe des Hotels eine Bäckerei, in der man scheinbar günstig frühstücken kann – das ist schon mal gut.

Am Busbahnhof Altona fällt unser erster Blick auf eine Kneipe namens „Kölsch&Co“. Das gibt’s doch gar nicht! Da fährt man fast bis an die Nordsee und findet eine Kölschkneipe. Das ist ja an sich was Gutes. Nur, daß sie von außen ziemlich steril wirkt. Irgendwie unkölsch. Das Positive ist: Sie haben dort täglich eine Happy-Hour von 17.00 bis 19.00. Kölsch für 75 Cent. Heureka, da lacht mir das Herz.

Hm. Erwähnte ich schon, daß Peter kein Alkohol trinken darf? Irgendwie schien er meine Begeisterung nicht ganz zu teilen. Sein Gesichtsausdruck war so seltsam…versteinert irgendwie. Ich versuche ihn damit aufzuheitern, daß ich gehört habe, von Muskatnuß würde man high werden (genaugenommen handelt es sich um Wahrnehmungsstörungen). Ich weiß aber nicht, wieviel man sich davon reinziehen muß, bis es wirkt. Ist aber auch egal. Ich glaube nicht, daß wir hier ohne weiteres einen Gewürzdealer finden.

Wir marschieren nun erstmal los und entdecken gleich einen Stadtteil, der uns sehr ans Herz wachsen sollte, weil er an den Flair der Kölner Südstadt erinnert (also Kneipen und Cafes an jeder Ecke): Ottensen. Hier trifft sich die Hamburger Szene, steht im Reiseführer. Also Werbefuzzies, Müllmänner, Kinder und Mütter. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Mütter mit Kleinkindern es hier gibt. Ständig plärrt ein Kind, an jeder Ecke. Wie süß.

In einem Cafe legen wir die Marschroute in Richtung Reeperbahn fest. Trotz unserer militärisch genauen Planung haben wir Mühe, den Weg zu finden, zumal es bereits dunkel wird. Eigentlich wollen wir vermeiden, in den Reiseführer nach der Route zu schauen, denn wir sind etwas paranoid und wollen nicht als Touristen entlarvt werden. Aber es hilft nichts.
Irgendwann ist es endlich soweit: Das erste Schild mit der Aufschrift „Sex“ am Horizont! Das gelobte Land! Wir sind da!

Die Reeperbahn ist in der Tat so, wie man sie sich vorstellt: Ein Sexkino/Nightclub/Puff neben dem anderen. Alle zwei Meter versuchen uns widerliche alte Typen in eines der Etablissiments zu locken. Diese in Fachkreisen sogenannten „Anleiherer“, „Reinrufer“, „auf den Sack geher“ oder schlicht und einfach „Pufflotsen“ machen allerlei ominöse Versprechungen und wollen uns sogar Gruppenrabatt geben. Aber wir bleiben lieber draußen, was bestimmt kein Mann verstehen kann. Doch wir sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Schließlich haben wir „From dusk till dawn“ gesehen.

Erstaunlicherweise bekommt man auf der Reeperbahn sogar Hotelzimmer für 40,00 €. Es steht aber nicht dabei, ob er Preis pro Nacht oder pro Stunde gilt. Aber die rote Treppenbeleuchtung läßt das zweite vermuten. Wir sehen die weltberühmte „Ritze“, eine Art Boxschuppen, dessen Eingang, nun ja, wie soll ich das beschreiben, sehr interessant designt ist. Also, auf der Frontseite ist eine Frau und, naja…man könnte sagen, durch die Tür zu gehen ist wie eine umgekehrte Geburt. Und zwar nicht im spirituellen Sinne. Aus den düsteren Höfen und Gassen erklingen eigenartige Drohungen; wir wissen nicht, ob sie uns gelten. Wir gehen lieber was essen.




Was will Mann mehr?



Anschließend begeben wir uns auf die andere Straßenseite, die um einiges jugendfreier zu sein scheint. Hier gibt es überwiegend Varietes, Kneipen, Restaurants und eine Poliziewache (die Davidwache, falls das einem was sagt. Peter meinte, sie sei bekannt). Wir biegen in eine Seitenstraße ein und erreichen ein weiteres lohnenswertes Ziel: Die Herbertstraße.




EL DORADO der Geilheit: Die Herbertstraße



Hierbei handelt es sich um eine Straße, in die Jugendliche und Frauen keinen Zutritt haben. Wieso bloß? Wir wollen der Sache auf den Grund gehen und stellen fest, daß knappbekleidete Damen wie Schaufenstepuppen in den Fenstern sitzen. Ich frage mich noch, ob die nicht wissen, daß sie hier eigentlich keinen Zutritt haben. Die Frauen sind jedenfalls sehr nett und bitten uns hinein. Ich finde, man trifft sehr selten so aufgeschlossene und auch noch so hübsche junge Damen. Das soll hier ml lobend erwähnt werden. Von wegen, Hamburger sind unterkühlt. Leider haben wir einen zu vollen Terminplan, um die Angebote wahrzunehmen.




Davidwache. Muß man geknipst haben…



Wir gehen wieder auf die Reeperbahn (nicht jugendfreie Straßenseite) und stoßen auf sogenannte „Laufhäuser“. Prima, denken wir uns, etwas Fitneß kann nicht schaden. Im Laufhaus stellen wir enttäuscht fest, daß es dort gar keine Joggingpfade gibt. Scheinbar handelt es sich um einen ganz ordinären Puff. Da hätten wir auch in Bonn bleiben können.

Nachdem wir uns über die oberen Stockwerke mit ganz vielen, sehr gastfreundlichen Damen verlaufen, denen es sehr warm zu sein scheint, finden wir endlich einen Hinterausgang, der uns direkt auf die weltberühmte „Große Freiheit“ bringt. Hans Albers-Fans kennen die ja bestimmt. Sie entpuppt sich allerdings als „Große Enttäuschung“ (was allerdings kein so touristenwirksamer Name wäre). Die Pufflotsen beklagen sich über die Konjunktur. Is wie überall. Zurück auf der Reeperbahn werden wir erneut von den alten Säcken angeranzt. „Kommt rein Jungs, wir brauchen auch EUER Geld“ ist noch das Netteste, was wir hören. Ein anderer hält uns für Nuttenpreller, weil wir so schnell gehen. Das ist nicht nett. Dabei wollen wir nur mal kucken, wann die Busse zurück zum Hotel fahren. Wir haben eigentlich noch was Zeit und ich bin der Meinung, wir sollten was Alkohol zu uns nehmen. Ich zumindest. Gesagt, getan. Um den „Rumstehern“ auszuweichen, wechseln wir auf die jugendfreie Seite. Doch das war einmal. Dort erwartet uns ein schreckliches Erlebnis.

Wir schlendern da so entlang und bekommen gar nicht mit, daß dort eine Reihe junger Mädchen steht. Eine kommt auf uns zugeschossen und bittet uns, stehen zu bleiben. Ich denke zuerst noch, die ist bestimmt von Greenpeace und will wohl eine Spende. Aber eigentlich ist sie gar nicht gekleidet wie ein Öko. Da wird mir klar, daß hier scheinbar ab 19.00 Uhr der Straßenstrich aufmacht. Der Eindruck wird darin bekräftigt, daß die Alte uns an den Klamotten zupft. Wir lehnen dankend ab. Kaum sind wir an der vorbei, stürzen die nächsten aggressiv auf uns zu. Es ist wie in die „Vögel“. Und das paßt ja auch ganz gut zu dem, was diese Personen scheinbar vorhaben. Wir sehen zu, daß wir Land gewinnen. Glücklicherweise ist es irgendwann geschafft. Wenigstens haben die uns nicht verfolgt. Irgendwie war das für unseren Geschmack etwas zu gastfreundlich…

Wir finden eine Bar, die sehr nett aussieht, stilvoll beleuchtet ist und bequeme Sitzecken hat, den sogenannten „Hörsaal“. Wir sind fast die einzigen Gäste. Aber wir sind noch zu traumatisiert, um uns daran zu stören. Bestimmt wollten diese Mädchen uns bestehlen. Auch wenn einige von ihnen ganz hübsch waren, sind wir uns einig: Das war aber ganz schön unerotisch. Nach wenigen Bier machen wir uns auf den Weg zum Bus. Aber welche Straßenseite sollen wir nehmen? WIE SOLLEN WIR DENN JETZT BLOSS NACH HAUSE KOMMEN??? Wir entscheiden uns für die Pufflotsenseite. Eindeutig das kleinere Übel.
Als wir an einem Pennymarkt vorbei kommen, staunen wir darüber, daß uns dort nicht auch einer reinrufen will. Die machen das scheinbar ausschließlich über Sonderangebote.

Endlich kommt der Bus und das erste Abenteuer in Hamburg geht zu Ende. Das große Plus des Tages: Die Kamera wurde mir nicht geklaut. Ich hatte sie allerdings auch nicht dabei. Peter hofft, daß er in dieser Nacht nicht vom Überfall der Killernutten träumen wird. Das hoffe ich natürlich auch. Der arme Kerl tut mir leid, so ganz ohne Alkohol. Nicht mal Muskatnuß da.

Gottseidank verleben wir eine ruhige Nacht ohne Alpträume.




Die „jugendfreie“ Seite. Die Polizeistation ist bestimmt auch ein getarnter Puff…




Tag 2: Gewaltmärsche, eigenartige Namen, Touristenfallen und ein falsches Brauhaus

Wir erwachen um 7.57 Uhr. Nein, Moment, um 8.02 Uhr. Ich stelle fest, daß es einem ziemlichen Geschicklichkeitstest gleicht, hier zu duschen. Vor allem betrunken sollte man das nicht machen. Das würde nicht gutgehen. Ich setze das Bad unter Wasser, was sich bei dieser Duschkonstruktion, wie bereits erwähnt, leider nicht vermeiden läßt.

Über Nacht habe ich die Akkus für meine Kamera aufgeladen. Heute werden zum ersten Mal Fotos geschossen. Als ich die Batterien in die Kamera gleiten lasse und den Abzug teste, wirkt das wahrscheinlich wie in diesen Profikiller-Filmen.

Dann geht es uns zu unserem ersten Orientierungsmarsch in die City. Eigentlich wollen wir ja nur zu der 200m entfernten Bäckerei, die wir tags zuvor aus dem Bus gesehen haben und die auf der Straße unseres Hotels liegt. Dennoch schaffen wir es, uns zu verlaufen. Eine erstaunliche Leistung! Allerdings ist auch der Stadtplan in unserem Reiseführer ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wir haben Glück im Unglück und finden eine andere Bäckerei. Es handelt sich um eine zwangsläufig vorhandene Kamps-Filiale.

Nun, da wir gestärkt sind und weit und breit keine Haltestelle zu sehen ist, beschließen wir, die 1,55 € für das Einzelfahrticket zu sparen und zu Fuß in die City gelangen. Dieses gewagte Ziel macht zumindest deutlich, daß wir uns von kleinen Mißerfolgen nicht aus der Bahn werfen lassen (Schon eher aus dem Bus). Oder hoffnungslos größenwahnsinnig sind. Aber glücklicherweise ist der Weg zum Stadtkern gut ausgeschildert.

Wir laufen durch einige interessante Vororte Hamburgs, die den Facettenreichtum der Stadt erahnen lassen. Wirklich, hier gibt es einige nette Straßen und Cafes und alte Häuser. Dann finden wir den Hamburger Dom. Zu unserem Erstaunen handelt es sich dabei um eine Kirmes. Was soll das? Uns beschleicht das ungute Gefühl, daß die Hamburger den Dingen andere Namen geben als wir (das „Laufhaus“ hätte uns bereits eine Warnung sein sollen). Wenn wir jetzt in die City gehen…gehen wir dann auch wirklich in die Stadt? Und…ist das überhaupt Hamburg? Das ist sehr verwirrend. Aber vielleicht handelt es sich bei dem Hamburger Dom auch nur um ein „Einzelschicksal“. Wie gesagt, wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen.

Wir kommen an einem riesigen Betonbunker vorbei, der scheinbar Werbeagenturen und Künstlern als Behausung dient. Jedenfalls preist ein Schild Büroräume an, die an Kreative vermietet werden. Das Ding ist abstoßend häßlich. Aber laut unserem Reiseführer muß man es trotzdem gesehen haben. Mich erinnert es an meine alte Schule, die mich besonders zum schwänzen inspirierte.


„KEIN BILD VORHANDEN!“


Hier könnte jetzt ein Foto von dem Bunker sein. Aber ich habe es gelöscht, was sehr, sehr selten ist. Nehmen Sie es als Beweis dafür, wie häßlich das Ding ist.

Auf unserem Fußweg stellen wir fest, daß die Ampeln in Hamburg sehr eigenartig geschaltet sind. Fußgänger haben oft nur wenige Sekunden grün. Meist schalten die Ampeln um, während man die Straße erst halb überquert hat. Alte Menschen haben keine Chance. Wahrscheinlich will Hamburg etwas an seiner demographischen Entwicklung tun. Später stellen wir fest, daß auch die Autos nur für kurze Zeit grün haben. Da ist irgendwie mit dem menschlichen Verstand nicht zu erklären…

Nun gut, wir erschließen also die Südwestpassage zur Reeperbahn, die noch reichlich verschlafen wirkt (in diesen Morgenstunden scheint von ihr noch keine Gefahr auszugehen) und entdecken als erste Menschen den Hafen von St. Pauli!
Also gut. Daß war vielleicht ein bißchen geflunkert. Scheinbar wurde das Gebiet bereits vor uns für den Tourismus erschlossen. Aber nach unserem Gewaltmarsch haben wir uns etwas Übertreibung verdient. Ob wir sie trotz allem die „Kraus-Döring-Passage“ nennen dürfen? Wer weiß…

Da begegnet uns ein Eingeborener!

Er scheint der menschlichen Sprache mächtig zu sein. Sie ist durch einen seltsamen Dialekt verfälscht, aber dennoch verständlich. Der nette Mann lädt uns ein, eine Hafenbesichtigung in einer Barkasse zu machen. Auch wenn uns bewußt ist, daß dies ein uralter Trick der Eingeborenen ist, um Touristen in die Falle zu locken, willigen wir ein. Ich mache kein Foto von dem Eingeborenen, um ihn nicht zu verängstigen. Bestimmt ist er abergläubisch.

Wie wir feststellen, handelt es sich bei der Barkasse um ein älteres Modell (17. Jahrhundert?), auf dem bereits weitere Touristen eingepfercht wurden, die scheinbar in die gleiche Falle geraten sind wie wir.

Zu unserem Erstaunen verläuft die einstündige Besichtigungsfahrt ohne nennenswerte Zwischenfälle und wir machen Bekanntschaft mit einigen Schiffen, der Speicherstadt, diversen Kränen und dem berüchtigtem Hamburger Wind. Der Kapitän erzählt uns mit einem äußerst seltsamen Dialekt allerlei Wissenswertes über das Hafengebiet. Leider habe ich nicht richtig zugehört, weil ich zu beschäftigt war, Kräne zu fotografieren. Das ist schade, denn es hätte diesem Tagebuch sicherlich etwas mehr Substanz verliehen.
So verleiht es dem Tagebuch einige sehr schöne Bilder.




Ganz schön schön, wa?



Zurück an Land schlendern wir über die Landungsbrücken und zum Gebiet des Fischmarktes, der leider nur sonntags geöffnet hat. Aber wenn wir schon mal hier sind, wollen wir auch Fisch essen. Diesen Plan setzen wir auch prompt in einem nahegelegenen Restaurant in die Tat um. Während Peter richtigen Fisch bestellt (Makrele), nehme ich ein Einsteigermodell (eine Art Backfisch). Ist beides sehr lecker. Peter entwickelt sich hier zum Tester für alkoholfreie Biersorten. Ein erster Zwischenstand: Holsten alkoholfrei ist schon mal besser als Becks ohne Alkohol, kann es aber nicht mit Bitburger Drive aufnehmen.

Anschließend machen wir uns auf den Weg zum Stadtkern, wo es ja noch reichlich Sehenswürdigkeiten geben soll. Unterwegs fange ich wieder wie wahnsinnig an, alles zu fotografieren, was nicht weglaufen kann. Ich glaube, es geht Peter ziemlich auf den Sack, weil ich alle zwei Minuten brülle „Warte mal! Das sieht gut aus!“ und es knipse. Er ist aber zu höflich, um sich darüber zu beschweren. Nur als ich eine Regenpfütze fotografiere, merke ich, wie er damit kämpft, nicht die Haltung zu verlieren und mir auf die Fresse zu hauen.




Gewässer des Anstoßes: Die Pfütze…



Immerhin finden wir auch einige Fotoobjekte, die er selbst für lohnenswert hält, nämlich die Herbertstraße und die Reeperbahn, wo es derzeit noch ungefährlich zu sein scheint.

Wir laufen von dort aus zur Michaeliskirche (auch Michel genannt), am Rathaus vorbei (eine widerliche, kleine Bruchbunde. Kein Vergleich zum Bonner Rathaus), und durch die Europa-Passage.




Das ist nicht der Michel, sondern der Peter.



Okay. Die Diffamierung des Rathauses war nicht nett. Eigentlich ist es gar nicht so schlecht. Genau genommen ist es sogar ziemlich schön. Um nicht zu sagen: Sehr schön. Man könnte sogar mal überlegen, einen ungeraden Geburtstag darin zu feiern. Und es ist sehr groß. Ungefähr achtmal so groß wie das Bonner Rathaus.




Die Bruchbude.



Aber die Europa-Passage ist eigentlich wirklich nichts Besonderes. Die Läden darin interessieren uns nicht. Eigentlich hatten wir gedacht, die Passage führt quer durch Hamburg bzw. Europa. Tut sie aber beides nicht. Wir sind schon wieder mal auf einen Namen reingefallen. Es ist nur ein vier Stockwerke großer Einkaufstempel. Und im ernst: Die Fotos sehen besser aus, als es war.




Europa-Passage: Alles digital nachbearbeitet…



Nach dieser Enttäuschung gehen wir zum Jungfernstieg. Eine Einkaufstraße wie die „Kö“ in Düsseldorf – und wesentlich ansprechender als die Passage, mit erstaunlich großen Gehwegen. Hier läßt es sich für die Reichen und Schönen gut flanieren. Die Fleete (also die Hamburger Grachten) sehen in der Abenddämmerung (also gegen 16.20 Uhr) prachtvoll aus.
Wir setzen uns in ein nettes Cafe. Ich hoffe sehr, daß die Tour für heute zu Ende ist, denn ich kann meine Füße kaum noch bewegen. Leider ist Peter der Meinung, daß wir vielleicht noch nicht alles von der City gesehen haben. Zum Beispiel die Altstadt. Das stimmt wahrscheinlich. Also lasse ich mich überreden und versuche, meine Füße davon zu überzeugen, daß es bestimmt jede Menge Spaß machen wird.

Ohne es gleich zu merken, laufen wir tatsächlich durch die Altstadt. Wir erkennen sie nicht sofort. Sie sieht gar nicht so alt aus und es fehlen die für eine Altstadt typischen Dönerbuden (die zumindest für die Bonner Altstadt typisch sind).

Wir kommen zum Chile-Haus. Dem Reiseführer nach ein Bauwerk von vollendeter Backstein-Baukunst. Das stimmt. Wir wissen zwar nicht, wofür dieses Haus gut ist – aber es taugt hervorragend als Fotomotiv. Wir treffen allerdings keinen einzigen Chilenen.




Das Chile-Haus: Nicht gerade großzügig geschnitten. Wurde scheinbar nur zum Fotografieren gebaut…



Mal so eine Randnotiz: Es fällt auf, daß in Hamburg viele Häuser „Haus“ heißen (z.B. “Holsten-Haus“). Das ergibt ja irgendwie Sinn (außer bei den Laufhäusern, die aus Gründen der Eindeutigkeit lieber „Puff“ heißen sollten). Ich finde, in Bonn sollten auch mehr Häuser Haus heißen. Da weiß man wenigstens, woran man ist. Und mit ein wenig Geschick bei der Namensgebung erfährt man sogar, wer darin wohnt.

Nach dem Fotoshooting am Chile-Haus streifen wir weiter durch die Nacht (vielmehr den Abend, der aussieht wie eine Nacht). Aus Versehen geraten wir zu einem unserer Wunschziele, dem Hamburger Hauptbahnhof. Auf den trifft eigentlich das Gleiche zu wie auf das Rathaus. Zähneknirschend gestehen wir uns ein, daß er ungefähr neunmal so groß und so schön ist wie der Bonner Hauptbahnhof. Aber wir sind nicht nur von seiner architektonischen Pracht fasziniert: Vielmehr hat Peter hier die Gelegenheit, sich möglicherweise eine Gastfahrkarte für Hamburg zu besorgen. Zwischen den Mitarbeitern der Stadtwerke soll es ein deutschlandweites Abkommen geben, daß sie mit einer Gästefahrkarte völlig umsonst die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen dürfen (die Stadtwerke sind scheinbar so was wie ein Freimaurer-Orden). Das würde rund vier alkoholfreie Bier mehr für ihn bedeuten!

Vorsichtshalber stecke ich meine Kamera weg (denn Hauptbahnhöfe sind ja bekanntlich Moloche der Kriminalität und des Taschendiebstahls). Dann betreten wir den Bahnhof und – was soll ich sagen – sind leider auch von dessen innerer Pracht beeindruckt. Auf der Suche nach dem Stützpunkt der Hamburger Stadtwerke sind uns zwei nette Security-Guards behilflich und weisen auf besagten Service-Point, der zwei Meter entfernt von uns steht. So ist das nun mal, wenn zwei Bauern in die Stadt kommen.

Leider stellt Peter fest, daß nur eins hier völlig umsonst ist: das Anstellen in der Warteschlange. Um eine Gastfahrkarte zu erlangen, müßte er eine bürokratische Maschinerie durchlaufen, gegen die selbst die Romane von Kafka wie ein Sonntagsausflug wirken – und dann noch immer ohne Gewähr. Er beschließt, das kostenlose Reisen abzuschreiben.

Endlich ist unsere heutige Tour zu ende, denke ich. Meine Füße atmen befreit auf. Leider ist Peter der Ansicht, daß wir von der City, noch nicht alles gesehen haben. Also gehen wir noch ein Stück spazieren…Grummpff…

Ich muß im nachhinein sagen, daß Peter recht hatte. Wir kamen an einigen Kamps-Filialen und Burger-King Ablegern vorbei, die wie vorher noch nicht gesehen hatten. (Insgesamt zählte ich in Hamburg übrigens 12x Kamps, 9x McDonalds und 7x BurgerKing. Ich weiß nicht, ob das Deutschland-Rekord ist, zumal es gut sein kann, daß ich einige doppelt gezählt habe. Aber Bonn hat auf jeden Fall mehr „Subways“-Filialen pro Einwohner).

Gottseidank ist auch Peter irgendwann der Meinung, daß wir es heute nicht mehr schaffen werden, ganz Hamburg zu sehen. Also können wir endlich mein persönliches, heutiges Wunschziel ansteuern: „Kölsch&Co“!

Peter ist einverstanden. Zu unserem Erstaunen kostet das Einzelticket jetzt 2,75 € anstelle von 1,55 €. Scheinbar, weil wir in einem „Schnellbus“ sitzen, der aber höchstens 2 Minuten schneller am Bahnhof Altona ist als ein regulärer Bus. Das sind sehr teure Minuten, finden wir.




Bilderrätsel: Findet den Unterschied!



Dann geht es ins „Kölsch&Co.“. Noch sind ca. 20 Minuten Happy-Hour. Ob ich mir 10 Kölsch auf einmal bestellen soll?

Um es vorwegzunehmen: Die Kneipe ist ein Reinfall. Null Brauhausatmosphäre. Nichtraucherplätze. Die Kellnerin kommt nur einmal alle 30 Minuten. Die Kellnerin spricht kein kölsch.. Habe Probleme mit der Tür zum Klo (man muß ja auch draufschreiben, daß es sich um eine Schiebetür handelt) und reiße sie fast aus den Angeln. Ein Klogang kostest 50 Cent, was jeden Spareffekt der „Happy-Hour“ zunichte macht. Ebenso wie den Gedanken an ein Besäufnis. Immerhin hängen an den Wänden ein paar Bilder vom Dom (dem Kölner, wohlgemerkt) und ein paar kölsche Weisheiten mit einer prüden hochdeutschen Übersetzung. (Mein Favorit: „Watt fott ess, ess fott“/“Man soll sich auf die neuen Gegebenheiten einstellen“ – was für eine Übersetzung. Klingt wie eine buddhistische Weisheit…DATT IS KÖLSCH!!!!! Menschens- kinder….)

Naja, ich trinke nur ein Kölsch. Dann machen wir und auf den Weg in die nahegelegene Südstadt (also Ottensen), wo wir in eine Bar gehen, die uns schon an Tag 1 ins Auge gefallen ist. Die „Reisebar“, eine Mischung aus Touristikbüro und Kneipe. Sie hat eine geniale, schummrige Beleuchtung und Holographien werden an die Wände geworfen (also: projeziert). Bequeme Sitzsofas. Sehr nett. Man muß nicht einmal eine Reise buchen, um was zu trinken zu bekommen. Peter will einmal Tee ausprobieren. Ihm wird ein Yogi-Tee empfohlen. Sieht aus wie ein Milchkaffee und duftet nach Zimt. Außerdem enthält er eine fernöstliche Weisheit, wie man es von Glückskeksen gewohnt ist. Ich glaube, man kann sagen, daß Peter verrückt nach diesem Tee ist. Ja. Er entdeckt den Teetrinker in sich. Falls es jemanden interessiert: Ich entdecke an diesem Abend den Biertrinker in mir. Zum 5.000. Mal.




Da boxt der Papst im Kettenhemd: Die Reisebar!





Freude pur: Die Reisebar!



Der Abend endet sehr schön, nämlich mit einem kollektiven Lachflash von uns beiden, als wir uns ausmalen, wie wir die Frau an der Rezeption des Motel One ein bißchen in den Wahnsinn treiben können, indem wir völlig verblödete Touristen raushängen lassen. Ungefähr so: „Tschulldigung, wir haben zwar nen Reiseführer von 1951, aber jetzt kommen wir doch nicht weiter…können Sie uns vielleicht sagen, wo diese Reeperbahn abfährt?“ Oder wollen wir uns doch lieber Nutten aufs Zimmer bestellen…?

Ich weiß, das klingt jetzt nicht wirklich witzig. Ihr hättet an dem Abend mit uns in der Reisebar sein müssen, um zu verstehen, wie lustig es war…


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