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Interview mit unserer Autorin Friederike Hesselmann
„Mir liegt es sehr am Herzen, die Vorurteile gegenüber Menschen die sich „anders“ verhalten durch sachliche Informationen zu ersetzen“

JC: Unser Topthema in diesem Monat ist Anderssein – fühlst Du Dich anders?

F: Ja, auf jeden Fall. Als Kind war es für mich mit etwas ziemlich Negativem verbunden, als ich mir klar wurde dass ich körperbehindert bin und manches eben nicht so kann wie andere. Klar, es ist doof, ein Interview mit solch traurigen Statements einzuleiten, aber man muss das als Grundgegebenheit wissen. Ich war sehr traurig über mich selbst und bin vielleicht gerade deshalb zu einer Person geworden, die immer und überall aus der Reihe tanzen muss. Ich wollte und will immer noch dieses angeborene Anderssein für etwas Positives nutzen. Ich kleide mich anders als die meisten Leute die ich kenne –entweder bunt-fröhlich oder naturverbunden-erdbraun. Ich höre jede Menge Musik abseits des Mainstream. Ich lerne Schwedisch. Finnisch und Isländisch, und jeder fragt mich warum ich mich mit einer Sprache befasse, die man mit 300000 Menschen auf dem Globus sprechen kann. (Antwort: Diese 300000 (Isländer) sind mir etwas Besonderes, und wenn ich nur mit 20 von ihnen rede und sie mir etwas Interessantes und Nachdenkenswertes auf den Weg mitgeben, ist mein Leben reicher.) Ich fasse meine Welt im Allgemeinen anders an als die meisten... durch Musik, Malerei und Schreiben und durch meine eigene emotionale Art, mich mit Dingen auseinander zu setzen. Das muss man nicht verstehen. Ich hatte im Verlauf meines Lebens etliche Freunde, die versuchten, mich in ein System (Mode, Schulklasse, bestimmte Denkweisen) hineinzupressen. Das tat mir sehr weh und führte i.d.R. auch zum Ende dieser Freundschaften. Aber ich sage inzwischen, auf Menschen, die mich nicht so nehmen wie ich bin kann ich verzichten... für mich ist es wichtig, Leute mit ihren individuellen Lebensgeschichten, Neigungen und Verrücktheiten kennen zu lernen, so dass wir uns gegenseitig bereichern können.
 
JC: Wie gehst Du damit um, wenn Dir und Deiner Person Vorurteile entgegen gebracht werden?

F: Wie schon gesagt, auf Menschen die mich nicht so nehmen wie ich bin, kann ich verzichten. Wenn ich das Gefühl habe, dass mir die Kommunikation mit konkreten Leuten was bringt, kläre ich sie humorvoll-sachlich über meine Behinderung (oder sonstige Eigenheiten, die gerade „unter Beschuss stehen“) auf. Daraus können sich dann nette Gespräche ergeben und vielleicht hat das Gegenüber dann einen neuen Impuls zum Nachdenken. Geht es um allgemein verbreitete Vorurteile (z.B. „alle Behinderten arbeiten in der Werkstatt und können nie eine höhere Bildung haben“), bemühe ich mich um Aufklärungsprojekte.

JC: Du bist Synästhetikerin – wie genau zeigt sich das?

F: Ich sehe Musik in Farben und Mustern- als hätte ich ein drittes Auge irgendwo im Kopf, das automatisch „fernsieht“. Obwohl es in meiner Umwelt keinen optischen Anreiz dazu gibt! Während ich dies schreibe, höre ich LOST SOUL von Negative. Drums und Gitarre wirken für mich wie graue Bauklötze und Bogen, die zweite Gitarre ist metallisch graugrün, die Stimme des Sängers Jonne Aaron ein lila Fleck mit goldenen Sprenkeln, unregelmäßig geformt. (Witzig ist, dass in einer Zeitschrift anklang, Jonne Aaron sei ebenfalls Synästhetiker und finde sein gesamtes neues Album „Anorectic“ beim Anhören lila. Ich weiß aber nicht, auf welche Aspekte oder Laute in den Songs sich dies bezieht.) Irgendwo über der Stimme findet sich bei mir aus irgendeinem Grund noch ein Touch Lachsrosa. Und alles spielt sich auf einem schwarzen Hintergrund ab (Bässe und Stille sind für mich allgemein oft schwarz). Klingt komisch *lach* Man kann es sich wahrscheinlich auch nur schwer vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt. Aber es passiert automatisch, ich empfinde es als ein gebührenfreies wunderbares MTV der Seele. Sollte mal Sendepause sein, ist das schon ein Alarmzeichen für zu viel Stress.

JC: Die Synästhesie spiegelt sich ja auch in Deiner Kunst wieder - wie genau entstehen Deine Bilder?

F: Erst mal muss ich aufpassen, dass niemand anders im Zimmer ist, denn wenn ich male, sieht das sehr verrückt aus und ist auch eine sehr private, irgendwie sinnliche Erfahrung. Meistens komme ich eher spontan auf die Idee, dies oder jenes Lied malen zu wollen. Die Farbintensität und Struktur, die ich beim Anhören „sehe“, bestimmt dann das Material- häufig Acryl auf Leinwand. Aquarell und Pastell mag ich zwar auch sehr gern, aber diese Techniken eignen sich irgendwie nicht für die wirren Muster eines Liedes, für das ständige Ausbessern. Ich muss mir die Option offen halten, etwas wieder zu übermalen, denn die Musik ist so vielschichtig- ich kann gar nicht alles malen, was ich im Kopf sehe, muss meine Lieblingsaspekte herausgreifen. Die Dynamik des Liedes verfolgen, und dann –vorzugsweise mit den Fingern, nicht mit dem Pinsel- das Seelen-MTV auf die Leinwand bringen. Ich bin eins mit dem Lied. Ich spüre die Farbe und habe keine Angst mehr, mich schmutzig zu machen. Eigentlich ist das auch eine Metapher über das Leben... das Malen lehrt mich, etwas zu wagen. Etwas zuzulassen, denn die Bilder entwickeln sich nie so wie ursprünglich gedacht. Ich schicke hier mal „Avas Last Dance“ mit- eigentlich eine stille, „liedlose“ Auseinandersetzung mit der Annahme oder Ablehnung meines eigenen Körpers und der Pflege der Seele. Die Frau hat ihr Herz in der Hand, das wie ein Geschenk verpackt ist, und die Schleife sollte eigentlich ein empfindlicher und freiheitssuchender Schmetterling sein. Aber es kam mal wieder anders. Ich habe das Bild bei einer Freundin gemalt und wir hörten dabei verschiedene finnische Hardrockbands, die uns beiden viel Kraft und Inspiration geben. Also wurde der Hintergrund unabsichtlich „oben wie Lordi, unten wie Nightwish“. Meine Freundin findet auch, dass die Frau selbst Ähnlichkeit mit Lordis Keyboarderin „Awa“ hat. Wir nennen die gemalte Figur aber bewusst „Ava“ mit v, um sie von der Awa mit w zu distanzieren.

JC: Was willst Du mit Deinen Bildern ausdrücken? Was soll für den Betrachter rüberkommen?

F: Ich möchte das mitteilen, was in mir vorgeht, was ich vielleicht mit Worten nicht ausdrücken kann- und dadurch andere Menschen ermutigen, ihre Gefühle zu äußern und zu ihrer Einzigartigkeit zu stehen. Ava ist zum Beispiel Teil einer kleinen Ausstellung, die Ende Oktober auf der Mädchenkonferenz des Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte gezeigt wurde; die Ausstellung (Kooperationsprojekt Friederike Hesselmann und Maria Konrad) heißt „Liebe zum Leben“ und läuft im Rahmen eines Projektes das jungen Frauen mit Behinderung ihre Stärken bewusst machen soll. Meine Arbeitspartnerin und ich wollen in Bildern und Gedichten zeigen, wie unsere Handicaps zu einer Bereicherung für uns werden und wie man das Leben mit allen Sinnen lieben kann.

JC: Du schreibst auch, vor allem sehr persönliche Geschichten, erzähl uns von Deinem aktuellen Buchprojekt?

F: Das ist eigentlich eine Serie von sechs Büchern- klingt viel, ist es aber nicht, weil sich jedes Buch aus Anekdoten zusammensetzen soll, die man unabhängig voneinander lesen kann. Zusammen ergeben sie aber Romane. Vielleicht kann man sich das entfernt so vorstellen wie die Bücher von Bruce Chatwin- jede Menge Reisen führen zu jeder Menge Anekdoten über Naturlandschaften, Seelenlandschaften und ungewöhnliche Menschen. Meine Reisende heißt Lissa, ist zu Beginn der Romanserie knapp 17 Jahre alt und durchbricht mit ihrer Behinderung eine von der Gesellschaft zurechtzementierte Grenze: Sie fliegt ganz allein als Austauschschülerin nach Kanada. Das sollte eigentlich das einzige Lissa-Buch sein, 100 Prozent autobiographisch und dazu ausgelegt, Behinderten und Nichtbehinderten Mut zu machen, ihre Träume zu verwirklichen. Als ich das im Jahr 1999 zu schreiben begann, wusste ich noch nicht, dass sich in meinem Leben so viele neue Dinge ergeben würden, die es mir wert waren, sie für mich und andere aufzuschreiben. Eine Art Depression, ein Exotenstudium, sozusagen ein neues Zuhause in Island... und der immerwährende Wunsch nach einer Liebesbeziehung. Aus der Behindertenbiographie wurde eine Art Karikatur des ganz normalen Chaos. Mittlerweile sind auch viele fiktive Charaktere und Ereignisse dazugekommen, die irgendeine Mitteilung an mich oder an die Gesellschaft transportieren sollen. Mein erfundener Lieblingscharakter ist Lárus, nach Auskünften von Lissa „Reykjaviks coolster Punk“. Er hält sich an keinerlei vorgefertigtes System, trägt z.B. als Mann Spaghettiträgerhemden weil „er es nicht einsieht, dass so schöne Kleidungsstücke nur Mädchen vorbehalten sein sollen“. Außerdem ist er betont bisexuell und gleichzeitig in Lissa und ihren Freund verliebt. Lissas Freund ist ein biederer Physiker, opfert sich voll für seinen behinderten Bruder und für Lissa auf, kann ihnen aber unterm Strich nicht viel bieten als sein chronisches Helfersyndrom. Lárus hingegen nimmt Lissa als Frau ernst, findet sie mit der Behinderung „voll normal“ und fordert sie und die Beziehung zu ihrem Freund durch seine unverblümte Art ständig heraus. Er lehrt sie, Erwartungen an ihr eigenes Leben zu haben und sich nicht ständig nur über andere Menschen zu definieren. Ich versetze mich normalerweise sehr stark in meine Bücher und die Charaktere hinein; wenn ich mal keine Ideen mehr habe, sagt ein guter Freund aus der Uni sogar zu mir: „Setz dich mit jedem deiner Charaktere hin und frag sie was sie machen wollen.“  Das mache ich dann tatsächlich! Also ist Lárus für mich und auch einige meiner Probeleserinnen in gewisser Weise „real“ geworden und hat mich mit seiner optimistischen Erwartungshaltung angesteckt.

JC: Welche großen Projekte liegen noch vor Dir?

F: Erst mal meine Magisterarbeit- „Disability and the Nordic movie“. Dann Autorenlesungen, verknüpft mit Aufklärungsveranstaltungen über das Leben mit Behinderung. Bei solchen Aufklärungskampagnen möchte ich auch mit Einzelpersonen und Organisationen zusammenarbeiten die sich mit Borderline, Essstörungen etc. auseinandersetzen. Denn wer diese Probleme hat, hat sehr ähnliche Schwierigkeiten wie Personen mit Behinderung: Selbstablehnung, Unverständnis der Umwelt, manchmal nur eingeschränkte Möglichkeiten, an bestimmten sozialen Aktivitäten teilzunehmen etc. Mir liegt es sehr am Herzen, die Vorurteile gegenüber Menschen die sich „anders“ verhalten durch sachliche Informationen zu ersetzen. Außerdem möchte ich nach Island auswandern und ein internationales Reisenetzwerk für Personen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten gründen. Pläne für dieses Netzwerk gibt es schon seit dem Jahr 2000, konkrete Umsetzungsmöglichkeiten habe ich erst vor relativ kurzer Zeit in Island kennen gelernt, und eine passende Diskussionsplattform im Internet soll Anfang 2007 online gehen. Bis daraus allerdings ein international arbeitendes und wirkungsvolles Projekt werden kann, wird noch einige Zeit vergehen.

JC: Welche Träume willst Du Dir in Deinem Leben verwirklichen?

F: Eine Liebesbeziehung eingehen, die ich für mich und den anderen tragfähig und bereichernd gestalten kann. Meine anderen Träume-siehe vorige Frage. Eines meiner Lebensmottos stammt von Siegfried und Roy: „Wenn du etwas träumen kannst, dann kannst du es auch machen.“

JC: Was meinst Du, in wieweit ist „Jalicano“ anders?

F: Na ja, zunächst mal durch den Namen. Ich oute mich mal als diejenige, welche das Wort „Jalicano“ erfunden hat. Es stammt aus einer Sprache, die ich als Jugendliche für eine Märchenwelt kreiert habe, und die meine Freunde (u.a. Esther Klung) vor einigen Jahren wegen des Herr-der-Ringe-Booms wieder „ausgruben“. Jalicano ist ein geschlechtsneutrales und allumfassendes Wort für „Künstler“, und ich denke Esther hat den Namen gut ausgesucht. Er legt sich nicht auf ein Genre fest und das macht die Zeitschrift ja auch nicht. Ich kenne sonst eigentlich eher auf eine bestimmte Musikrichtung oder Politik spezialisierte Onlinezines. Was mir auch immer wieder an Jalicano auffällt und gefällt, ist, dass erstens jeder mitmachen kann und zweitens sowohl unbekanntere Künstler als auch Berühmtheiten interviewt werden. So ergibt sich ein ungewöhnlich breites und schönes Panoptikum von Menschen und Kunst.

JC: Da Jalicano Künstler bedeutet – was macht für Dich einen Künstler aus?

F: Meine größten Helden in der Schule waren für mich meine Kunstlehrer. Ich sage immer, der eine hat mir die Technik beigebracht- denn er vermittelte viele logische Fertigkeiten, die man beim Zeichnen, Malen und Skulpturenbau braucht. Der andere lehrte mich das Kunst Machen, weil er für die Individualität jedes Schülers ein offenes Ohr und Auge hatte und jeden in seiner ureigenen Kreativität förderte. Ich finde, die beiden haben sich ideal ergänzt und die beiden wichtigsten Aspekte der Kunst überhaupt rübergebracht. Der "Techniker" schenkte mir einmal einen Kalender mit dem Slogan "Jeder Mensch ist ein Künstler"- den Spruch fand ich toll. Ich finde es ist mehr als ein Spruch. Ein Künstler ist für mich jeder, der nach seinem besten Wissen und Gewissen etwas Ungewöhnliches und Neues macht und dabei eine Botschaft rüberbringt, die ihm wirklich wichtig ist. Klar kann man, sofern man einen Abnehmer findet, auch einen Strich oder einen Klecks als Kunstgemälde verkaufen, oder möglichst lautes Gebrüll als Musik etc.- aber ich frage mich in manchen Fällen echt, was der Künstler damit aussagen möchte und was es mir und anderen bringt, dies Werk zu konsumieren.

Das Interview führte: Esther Klung
 
 
 
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